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Tuesday, November 6, 2012

Journalismus von der Front. Ein Wettbewerb für die Kriegsberichterstatter?

Ich muss zugeben, dass ich meinen Augen nicht ganz traute, als ich diesen Artikel auf Zeit.de gelesen habe: „Schreiben von der Front. Warum tötet der Mensch? Und wie berichten wir darüber? Notizen von einem Kriegsreportertreffen in einer französischen Kleinstadt.“ Das Thema hörte sich zunächst interessant an, was mich dazu brachte, den Artikel dann zu lesen. Der Inhalt war dann aber doch sehr überraschend: In einer Kleinstadt in der Normandie findet ein Wettbewerb für Bilder aus Krisengebieten statt. Nicht der alltägliche Journalismus wird hier ausgestellt und nominiert bzw. gekürt, sondern Bilder aus Krisenherden, Kriegsgebieten und den notleidenden Gegenden unserer Erde. Dabei werden die Bilder in Plakatgröße überall in der Stadt aufgehangen, so dass die Einwohner sich nur schwer dagegen zu schützen vermögen. Aber ist das ethisch, was da passiert? Sind Bilder von der Front (besonders, wenn sie öffentlich ausgestellt werden) etwas, was prämiert werden sollte?
Das Problem für uns Deutsche, dass auch in dem Artikel angesprochen wird, besteht in der Tatsache, dass wir Bilder aus Krisenregionen oft gar nicht von unseren eigenen Agenturen beziehen. Stattdessen ist es Gang und Gäbe im deutschen Journalismus, die Fotos günstig von den großen internationalen Sendeanstalten wie CNN, Agenturen vor Ort oder von Privatleuten einzukaufen. Nicht nur, dass dadurch die hohen Aufwendungen für Reisen wegfallen, man erspart den deutschen Reportern außerdem die Gefahren, die mit einem Besuch eines der krisengeschüttelten Ländern der Welt verbunden sind. Das klingt zunächst gemein und erinnert irgendwie an die Devise „Sollen die doch den Job machen!“. Vielleicht ist besonders deswegen der Fotowettbewerb in Bayeux, so heißt die französische Kleinstadt, wichtiger als man zunächst annehmen mag. Es geht darum, den Besuchern vor Augen zu führen, was Kriegsberichterstattung heißt. Dazu passt auch das Ehrenmal, das im Einsatz getöteten Journalisten gewidmet ist. Jeder einzelne wird dort namentlich erwähnt.
Die Bilder geben einen merkwürdigen Eindruck. Es ist ein Balanceakt zwischen Ästhetik, Information, Schockieren und Unterhaltung, was die Bilder zu erreichen hoffen. Jene von der Front, von denen es ja viele gibt, wie das Conflict Barometer eindrucksvoll zeigt, erfreuen sich nicht nur während des Wettbewerbs erhöhter Beliebtheit. Dabei gibt es „saisonale Schwankungen“. Je nach dem, welcher Krieg gerade „in“ ist, fallen Bilder aus anderen Regionen einfach aus dem Rahmen des Interesses der Öffentlichkeit. Und genau hier kommt wieder einmal die Verantwortung ins Spiel, die Fotografen zu tragen haben. Sie haben die Aufgabe, ins Bewusstsein zu rücken, was ihm zu entfliehen versucht. Guter Journalismus ist daher nicht nur die Wiedergabe dessen, was passiert ist, sondern muss sich bewusst sein, dass nur ihm möglich ist, den Leuten die Probleme der Welt vor Augen zu führen und sie zu motivieren, etwas dagegen zu unternehmen. Die Kampanie Kony 2012, über die ich hier auch schon geschrieben habe, bietet dazu vielleicht ein ganz gutes Beispiel.

Journalismus aus Krisengebieten in Bayeux (Quelle: Zeit.de)

Saturday, October 20, 2012

Die evangelische Kirche organisierte eine Diskussion zum Thema Sudan. Dabei: Hilde Johnson


Die evangelische Kirche als Organisatorin

Vergangenen Montag lud die evangelische Kirche zu einer Diskussion zu folgenden Thema ein: „Fragiler Frieden: Ein Jahr nach der Unabhängigkeit des Südsudan“. Zunächst sollte man sich fragen, warum ausgerechnet sie die Veranstaltung organisierte, worauf die Antwort anfangs nicht ganz leicht zu finden ist, da schließlich alle Gastrednerinnen (es handelte sich neben dem Gastgeber und Diskussionsleiter ausschließlich um Frauen, womit einmal mehr die Frage nach der Gleichstellung von Mann und Frau aufzuwerfen wäre) staatliche Strukturen repräsentierten. Die evangelische Kirche hingegen kann sich schwerlich als solcher verstehen noch im Namen eines oder mehrerer Länder sprechen. Das will sie auch nicht und versteht gerade darin ihre Stärke, da sie sich in politischen Gefechten und offenen Konflikten als apolitisch darstellen kann. Und so kam es auch bei diesem Treffen, dass die Gastgeberin als ehrliche Vermittlerin auftreten konnte, die beherzt vor nichts zurückschreckte und trotz verschiedener Auffassungen den Ton stets beruhigen konnte. Dass sich die evangelische Kirche außerdem sehr stark in Afrika engagiert, mag zeigen, dass sie sich zwar politisch nicht so leicht vor den Wagen spannen lässt, aber doch ein Interesse an einer Befriedung herrschender Konflikte besitzt.

Der Sudan als Hoffnungsträger

Der alte Sudan als bestehend aus dem heutigen Sudan und dem Südsudan, der sich vor etwas über einem Jahr vom Sudan abgespalten hat, verstanden, bezeichnet mehr eine Region als ein oder zwei Länder. Historisch gesehen gehört das Land zu den ältesten Afrikas und kann doch kaum mehr Erfolg im Erzielen moderner Staatlichkeit aufweisen als andere Länder Mittelafrikas. Dennoch, die Gastrednerin Hilde Johnson vermochte es aufzuzeigen, dass sich beide Länder auf einem guten Weg befinden. Der nördliche Sudan, der seit der Unabhängigkeit des Südens von den wichtigen Erdöllieferungen abgeschnitten ist, wird seit einigen Monaten durch Geldleistungen für den Verlust entschädigt, die nach Einschätzung der Rednerin sehr großzügig ausfallen. Am Beispiel der Streitigkeiten um das Öl erklärte Frau Johnson, wie sich beide Länder immer wieder in Situationen bringen, in denen die Nerven blank zu liegen und jeden Augenblick zu reißen scheinen, aber letztlich doch wieder den Weg der Deeskalation einschlagen und somit zwar das Konfliktpotential nicht abbauen, es aber auch nicht zu einem offenen Krieg kommen lassen. Stattdessen werden die bewährten Mittel der Unterstützung von Rebellengruppen im jeweils anderen Land angewandt. Das mag unschön sein, aber die staatlichen Autoritäten nicht komplett untergraben. Außerdem hätten so beiden Länder des ehemaligen Sudans verstanden, dass sie nur miteinander zu einem stabilen Frieden und Wohlstand gelangen könnten. Das ist doch schon mal ein Anfang!

Monday, August 13, 2012

Weißrussland wurde von einem Teddybär angegriffen – psychologische Kriegsführung heute

Teddybär als Friedensbote? (Quelle: tagesschau.de)

Weißrussland – die letzte Diktatur Europas

Lukaschenka und sein Reich. Weißrussland ist wahrlich nicht vom Glück gesegnet, wenn man es mal objektiv betrachtet. Am Rande einer Großmacht gelegen, keine eigenständige staatliche Tradition, über viele Jahrhunderte hinweg geografisch an einem völlig anderem Ort befindlich sehen die Weißrussen sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs und dann nach der Auflösung der SU in einem eigenen Staat irgendwo in Osteuropa. Timothy Snyder hat sich intensiv mit dem Schicksal der einst blühenden multikulturellen Lebenswelt des heutigen Landes auseinandergesetzt und viel beschrieben (wie etwa hier), worüber die Weißrussen selber wohl nur den Kopf schütteln würden. Aber kein Wunder, denn wer anderes als Lukaschenkas ehemaliger Geschichtslehrer ist kurz nach seinem „Amtsantritt“ zum Bildungsminister ernannt worden. Naja, Weißrussland ist so oder so ein merkwürdiges kleines Land, die letzte Diktatur Europas, wie man oft vernimmt, irgendwo am Rande der Wahrnehmung, oder?

Teddybär – ein Kampf mit neuen Mitteln

Wohl nicht ganz. Ein Teddybär sagt mehr als tausend Worte, dachten sich die Initiatoren eines eher ungewöhnlichen Propagandakampfes zur Unterstützung der weißrussischen Opposition. Eine schwedische Werbefirma konnte nahe der litauischen Grenze die kleinen Plüschkämpfer aus einem Flugzeug abwerfen, damit diese wiederum mit Parolen bespickt der Opposition im Lande moralisch unter die Arme greifen könnten. So geschah es denn auch: Ein Regen der kleinen Fallschirmhelden prasselte auf die Bewohner der kleinen Stadt Iwjanet nieder und sorgt nun für mächtig Ärger. Dabei dachten sich die Schweden doch bestimmt, dass niemand auf Spielzeuge wütend reagieren würde, besonders wenn die auch noch so süß aussehen. Ein Teddybär soll doch eine Freude bereiten und keinen Grund für Zwistigkeiten. Nun, dass das der östliche Herrscher nicht so sieht, beweist der Fortgang der Geschichte, wie auf Tagesschau/de.ausland zu lesen ist. Lukaschenkas Reich ist eben kein Teddybärenland, das liebevoll manchmal Lukaland genannt wird. Da gibt es nicht zu kuscheln und zu mauscheln!

Tuesday, July 24, 2012

Timothy Snyder schreibt die Geschichte Europas um und überwindet nationale Historiografien

Timothy Snyder – Ein Kenner der Geschichte aus Yale


Timothy Snyder (Quelle: yale.edu) 
Allein schon wie er auf dem Bild seiner Homepage dreinschaut, muss man ihm Aufmerksamkeit entgegenbringen. Ein seriöser junger Professor, dem das Lächeln nie ganz von den Lippen verschwinden kann. Timothy Snyder hat das geschafft, was eigentlich nicht für möglich gehalten wurde und kann sich daher das unbekümmerte Lächeln ruhig leisten. Er hat in einem Feld der Geschichtsforschung, dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, dem kaum jemand etwas Neues zugetraut hätte, einen bisher unbeachteten Ansatz ausformuliert und angewandt. Nach den riesigen Wälzern von Ian Kershaw, Saul Friedländer und anderen besticht Snyder durch kurze knackige Darstellungen, die auf Englisch fast besser klingen als auf Deutsch. Was ihn außerdem sympatisch erscheinen lässt, ist das Angebot von downloadbarer Lektüre auf seiner Homepage. Für mich ist Timothy Snyder bereits zum neuen Superstar unter den Historiografen geworden, der nicht nur fachlich äußerst kompetent ist, sondern schon durch sein Sprachtalent besticht. In seiner „Short Bio“ heißt es dazu ganz bescheiden: „He speaks five and reads ten European languages.“ Das ist wahrscheinlich mehr als viele andere Wissenschaftler können!

Die Geschichte Europas als transnationale Geschichte

Warum Snyder zur Zeit in aller Munde ist, offenbart ein Blick auf Sachbuch-Bestsellerlisten der letzten Monate. „Bloodlands“ ist zum Kassenschlager geworden, was eigentlich wundert, wenn man sich das Inhaltsverzeichnis ansieht, denn es scheint zunächst, als wenn er nur wieder die schon erzählten Geschichten des Holocaust und der stalinistischen Herrschaft repetiert. Aber weit gefehlt. In der Geschichte Europas, als dazu zugehörig sieht er Ostmitteleuropa definitiv an, spielt die Zeit der 1930er und 40er eine große Rolle, das ist auch bei ihm so. Was lange Zeit aber eine ebenso wichtige Rolle einnahm, waren die nationalen Perspektiven, die allzu oft und viel zu schnell zur Schwarz-Weiß-Malerei motivierten. Snyder gelingt, diese Geschichtsschreibungen mit ihren verkürzten Argumentationen und eingeengten Perspektiven zu überwinden, indem er die nationalen Stereotypen durchbricht und die Geschichte einer Region mehr als einer Nation zu beschreiben versucht. Wer einen Blick auf seine Aufsatzthemen wirft, dem wird schnell klar, dass Snyder auf diesem Gebiet zuhause ist. Er arbeitet seit Jahren zu den verschiedenen Sichtweisen der Polen, Ukrainer, Weißrussen und der baltischen Völker auf einander und hat sich mit Instrumentalisierungen nationaler Ressentiments zu den verschiedenen beschäftigt. Das ganze betreibt er auf einer Mezoebene, die versucht, Mikro- und Makroansätze zusammenzuführen und mit der Metaebene der Theorie zu verknüpfen. Die Versöhnung der verschiedenen Ebenen der Geschichtsschreibung – ein ambitionierten Vorhaben, was ihm in seiner Neuformulierung der Geschichte Europas auch gelungen ist.

Saturday, July 7, 2012

Öffentlicher Verkehr: In Tallinn soll es ab 2013 die kostenlose Nutzung des ÖPNV geben

Foto: Tram-Fahren in Tallinn bald gratis?
(p4.focus.de)
Immer wieder kommt das Thema mal auf: Soll es den Einwohnern einer Stadt möglich sein, den öffentlichen Personennahverkehr gratis zu nutzen? Der öffentliche Verkehr nimmt eine Schlüsselrolle in den Stadtplanungen moderner Großstädte ein. Nur mit ihm scheint es möglich, der chronischen Überlastung der Straßen durch Autos und Zulieferer zu begegnen und nachhaltige City-Zentren, die einen gewissen Lebensstandard bieten können, zu gewährleisten.
Das hat sich auch Tallinn so gedacht, kann man annehmen, denn im Frühjahr gab es dort ein Referendum zur Einführung der kostenlosen Nutzung des öffentlichen Verkehrs. Die Abstimmung fand ein positives Ergebnis. 75% der Stimmen sprachen sich für die Einführung aus, so dass der Weg frei ist, um das System 2013 einzuführen, so Focus online.
In Berlin wurde die Idee auch schon mehrmals unter anderem intern von den Grünen diskutiert. Dabei werden die Vorteile eines kostenlosen Nahverkehrs hervorgehoben: Entlastung, Nutzung durch sozial schwache Gruppen, Umweltfreundlichkeit etc. Aber warum machen es dann so wenig Städte? Offenbar gibt es also auch negative Aspekte, die es zu beachten gilt. Einer wäre, dass eine intensivere Nutzung höhere Wartungskosten sowie höhere Investitionen in den ÖPNV verursachen würden. Die entstehenden Kosten müssten aus anderen Mitteln als den Nutzungspreisen gedeckt werden, aber wie? In Tallinn wird dies wohl durch eine pauschale Steuer, die alle Bürger zu entrichten haben, geschehen. Letztlich findet also unabhängig von Art und Dauer der Nutzung eine Umlagerung der Nutzungsgebühren statt. Touristen würden davon dann natürlich komplett ausgenommen werden und würden den Verkehr absolut kostenlos nutzen können. Damit könnte Estlands Hauptstadt zum Geheimtipp unter Backpackern und Mittel- und Osteuropafahrern avancieren!
Das hört sich irgendwie wenig sozial gerecht an, wenn der Arme genauso viel beitragen muss wie die Reiche. Es würde also entscheidend von dem System der Umverteilung abhängen. Wenn der pendelnde Geschäftsmann mit einem Monatseinkommen von mehreren Tausend Euro genauso viel bezahlt wie die arbeitslose alleinerziehende Mutter aus dem Zentrum, die den ÖPNV kaum benutzt, muss wohl von einem System gesprochen werden, das die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert und im höchsten Maße als sozial ungerecht einzustufen wäre. Aber vielleicht bekommt es die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Staat doch hin, ein gerechtes System auf die Beine zu stellen. Damit würde dem kleinen Land im Baltikum eine Vorbildrolle zukommen, das so manch andere Stadt zum Beispiel in Deutschland inspirieren dürfte. Aber zunächst heißt es wohl abwarten!

Tuesday, June 26, 2012

Caricatura und Triennale der Karikatur. Greiz und Kassel warten wieder auf!

Caricatura – eine Ergänzung zur dOCUMENTA?

Zur Zeit findet die dOCUMENTA in Kassel statt. Was weniger Leute wissen, ist, dass zeitgleich eine zweite Ausstellung dort anzutreffen ist, deren Thema Karikaturen sind. Die Caricatura wird alle fünf Jahre organisiert und fällt daher nicht immer mit der dOCUMENTA zusammen. Dem Betrachter bietet sich aber eben diese Möglichkeit in diesem Jahr und sollte sich das auch nicht entgehen lassen. Viele junge Künstler der komischen Kunst präsentieren sich vor Ort und warten auch mit digital erstellen Werken auf. Dabei wurde erstmalig die Begrenzung auf deutsche Teilnehmer aufgehoben, so dass in diesem Jahr Zeichner aus sieben Ländern vertreten sind. Etwa einhundert Karikaturen werden somit ausgestellt. Die Caricatura bietet also einen schönen Kontrast oder eine Ergänzung zur bekannteren dOCUMENTA.

Triennale im Satiricum Greiz?

Noch unbekannter ist eine ganz ähnliche und zeitgleich ausgetragene Kunstschau in Greiz. Triennale wird sie einfach genannt. Wer präziser sein möchte, ergänzt noch „der Karikatur“, um den Besucher wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt zu geben, was ihn erwartet. Eine Triennale ist allgemein eine Veranstaltung, die alle drei Jahre stattfindet. In diesem Falle im Satiricum Greiz, das mit seinem restaurierten klassischen Interieur einen reizvollen Kontrast zu den Ausstellungsstücken darbietet.

Welche Ausstellung ist besser?

Das ist natürlich die Frage, denn wer hat schon Zeit und Muße, sich beide Ausstellungen anzuschauen. Im Vergleich lässt sich schnell feststellen, dass die Zahl der Werke auf der Triennale mit 55 nur etwa der Hälfte jener der Caricatura entspricht. Außerdem ist das Profil der Künstler anders. In Greiz sind diese weniger international, älter und der Frauenanteil ist sehr gering. Außerdem wurde in Kassel versucht, neue technische Möglichkeiten einfließen zu lassen, um so dem Verschwinden des Genres entgegenzuwirken.

Hier noch ein paar Eindrücke:

Foto: caricatura.de

Foto: faz.net

Foto: faz.net

Tuesday, May 15, 2012

Argentinien hat das Problem der Frauenquote gelöst - ein Modell auch für Deutschland?

Wer hätte das gedacht? Nach all den Monaten endloser Debatte ist nun endlich eine Lösung in Sicht. Die umstrittene Frauenquote, deren gesetzliche Einführung so stark debattiert wurde, konnte am anderen Ende der Welt mit einem ganz überraschenden Ansatz gelöst werden. In Argentinien nämlich können die Bürger von nun an selber entscheiden, welchem Geschlecht sie angehören möchten. Das klingt erst einmal paradox, macht aber Sinn, wenn man einen Blick auf den Hintergrund wirft:
Das „weltweit einmalige Gesetz“ (Zitat aus „Neues Deutschland“) wurde nach harten Protesten der Transsexuellenbewegung in Buenos Aires verabschiedet. Dies ermöglicht nun jeder Bürgerin und jedem Bürger sich zu dem Geschlecht zuzuordnen, zu dem er order sie sich zugehörig fühlt. Das „gefühlte Geschlecht“ muss unentgeltlich von den Behörden im Pass umgetragen werden. Dieses Recht steht auch Jugendlichen zu, die bei Widerdstand der Eltern einen „Kinderanwalt“ hinzuziehen können, um das Recht auf freie Geschlechterwahl ihnen gegenüber durchzusetzen.
Zugegeben, es war nicht ganz ernst gemeint, als ich dieses Gesetz als Lösung für ein typisch deutsches Problem angepriesen habe. Die Frauenquote ist jedoch genau das, ein ernstes Thema, das sich an Feminismusdiskussionen ebenfalls anknüpft. Aber um beides einmal ad absurdum führen zu dürfen hier folgender Vorschlag:
Eine gesetzliche Frauenquote, die sich an der prozentualen Verteilung der Geschlechter in Deutschland orientiert, beträgt etwas mehr als 50%. Stellen wir uns den Fall vor, dass ein Vorstand von drei auf vier Mitglieder, von denen eine eine Frau ist, aufgestockt werden soll. Bei der genannten Quote müsste es sich um eine Frau handeln. In Argentinien könnte dies ganz einfach umgangen werden, indem auch ein Mann eingestellt werden kann, der bereit wäre, sich als Frau anerkennen zu lassen. Andersherum könnten Frauen sich als Männer klassifizieren lassen, um zum Beispiel bei schriftlichen Bewerbungen einer geschlechterspezifischen Diskriminierung entgehen zu können.

Wie gesagt, der Vorschlag war nicht ernst gemeint. Aber wie anders kann man/ frau bei solch einem Gesetz reagieren. Am Ende der Welt kann das Gefühl, die letzte Diskriminierung überwunden zu haben, überwiegen. Aber in einem 80-Millionen-Land, das voll von Opportunisten ist, käme das einer legitimierten Diskriminierung der Schwächeren gleich.

Thursday, May 10, 2012

EM in der Ukraine – Können Terror und Mafia und Rassismus zum EM Boykott führen?


Es fällt mir immer schwer, etwas negatives über die Ukraine zu schreiben. Ich war viele Male dort und kam jedes Mal mit durch und durch sehr guten Erinnerungen wieder zurück. Natürlich weiß ich, dass das Land auch Probleme hat, aber welches hat die nicht. Dennoch soll es einmal mehr um die Schattenseiten gehen, bevor ich hoffentlich beim nächsten Mal wieder etwas positiver ausgreifen kann!
Die EM in der Ukraine hat dem Land Hoffnung auf internationale Anerkennung gebracht. Die Vorbereitungen auf die Unterzeichnung eines Kooperationsabkommens zwischen ihm und der EU wurden umso intensiver betrieben, je näher die EM rückte. Es schien fast so, als wenn die Ukraine nicht anderes machen brauchte als eine ordentliche EM durchzuführen, um in den Club der europäischen Länder endlich Eintritt zu erhalten. Politische Probleme waren vergessen bis... ja bis wann eigentlich? Der Fall Julia Timoschenko beschäftigte europäische Menschenrechtler schon lange. Wie konnte die Situation nun so eskalieren? War es ihr Bandscheibenvorfall? Ihr Hungerstreik, mit dem sie die Behandlung in Deutschland zu erzwingen versuchte? Oder die Bombenserie in Dnipropetrowsk am 27. April diesen Jahres?
Es fällt schwer, einen genauen Zeitpunkt auszumachen. Fakt ist jedoch, dass mit dem Herannahen der EM, die Ukraine mehr und mehr einer gründlichen Begutachtung der westlichen Öffentlichkeit standhalten muss. Und deren Urteil fällt hart aus. EM Boykott der Politiker wird gefordert. Einige Radikale wollen sie gar ganz verlegen, um dem Land zu zeigen, dass der Westen seinen Werten treu ist. Berichterstattungen über den Rassismus in Lviv oder die Rolle der Mafia bringen da das Fass zum überlaufen. Immer hätte man es ja schon gewusst, was für ein barbarisches Land dieser postsowjetische Landstrich sei. Julia Timoschenko spielt dabei nur die Rolle des exemplarischen Beispiels, das jedoch keinesfalls repräsentativ ist! Wie viele gemeinnützige Organisationen, Bügerrechtler und politische Bewegungen gibt es in diesem Land, die alle dafür kämpfen, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden! Sie wollen ihr Land verändern und tun alles, dass sie es auch schaffen. Was der Westen fordert, mal wieder, ist eine Revolution, ein Umsturz der bestehenden Verhältnisse in eine Richtung, die ihm gefällt. Oft genug hat er es versucht und ist fast immer gescheitert, warum nichts gelernt wurde. Die Ukraine geht ihren Weg, der manchmal zurück und ein anderes Mal im Galopp nach vorne führt. Die EM in der Ukraine ist kein Willkommensgruß unter den westlichen Demokratien. Im Gegenteil zeugt doch die Ausrichtung zusammen mit Polen unter dem Vorwand, dass keine der beiden Staaten die Kapazitäten zur alleinigen Bewerkstelligung hat, von einem Misstrauen der Ukraine gegenüber. Ein EM Boykott würde einen Vertrauensbruch gegenüber den stolzen Ukrainer und Ukrainerinnen verursachen, der nur schwerlich wieder gutzumachen wäre. Ein politischer Boykott jedoch würde von Reife zeugen, wobei man sich fragt, ob das in einem anderen Fall etwa bei China ebenso in Erwägung gezogen werden würde. Wahrscheinlich nicht, oder? Die Ukraine ist eben nicht China und Julia Timoschenko keine von den vielen chinesischen Dissidentinnen.

Sunday, April 22, 2012

„Aufrunden bitte“ gibt jedem Bürger die Möglichkeit, sich an einer Spendenaktion zu beteiligen


Foto: Aufrunden bitte (www.handelsblatt.com)
„Nanu, was ist denn das?“ Diesen Satz wird so manch einer bei den letzten Einkäufen gesagt oder gehört haben, wenn auf einmal eine riesige blaue Sprechblase im Wege stand. „Aufrunden bitte“, stand da groß geschrieben. Als ich dieses Schild zum ersten Mal sah, war mir nicht ganz klar, was das sein sollte. Mittlerweile taucht der Slogan jedoch in immer mehr Läden auf, so dass ich wissen wollte, was dahinter steckt. Nun weiß ich es!
Es handelt sich bei dieser Initiative um eine Spendenaktion, die sich einen beispiellosen Erfolg von der Kampange erhofft. An Kassen und Türen von 12 000 Discountern, Supermärkten, Kleidungsgeschäften und vielen weiteren kleben die Schilder mittlerweile und die Zahl steigt stetig. Mit dem Aufruf zum Aufrunden ist dabei gemeint, dass der Rechnungsbetrag auf den nächstgrößeren 10-Cent-Betrag aufgerundet wird. In der Praxis sieht das dann so aus: Ein Betrag von 15,56€ wird auf 15,60€ aufgerundet. Die Rundungsdifferenz von 4 Cent wird dabei extra verbucht und als Spende auf ein separates Konto übertragen. Die Initiatoren erhoffen sich dadurch einen Erlös von bis zu 500 000 € pro Tag.
Hinter dieser Spendenaktion steht ein Team von Unterstützern, die sich ehrenamtlich für gemeinnützige Projekte einsetzen. Dazu gehören unter anderem der ehemalige ARD-Chef Fritz Pleitgen und Simone Bagel-Trah (Aufsichtsratvorsitzende von Henkel) und Experten, die entscheiden, welche Projekte Förderung erhalten. Die Stiftung nennt sich „Deutschland rundet auf“ und ist der britischen „Pennies Foundation“ und dem amerikanischen „Round it up America“ nachempfunden. In diesem Jahr legt die Organisation ihren Förderungsschwerpunkt auf Projekte für Kinder und Jugendliche. Pro zu fördende Initiative können bis zu 300 000 € von der Stiftung vergeben werden.
Aufrunden bitte expandiert zunehmend und soll bald auch online möglich sein. Grenzen gibt es allerdings auch. So etwa bei C&A, wo es bereits nur runde Preise gibt. Außerdem wollen viele Unternehmen durch besondere Spendenaktionen aus der Masse herausstechen. Das verträgt sich nicht unbedingt mit der Grundidee des Unterfangens, der zufolge gerade die gesamtgesellschaftliche Verantwortung im Vordergrund steht. Jeder und jede soll dabei beim Einkaufen nur einen geringen Teil an die Hilfebedürfitigen in der Gesellschaft abgeben. Deutschland rundet auf baut hierbei auch auf umfangreiche Unterstützung aus der Wirtschaft. Neben Anwaltskanzleien, Wirtschaftprüfern, Werbeagenturen und weiteren aus den für die Organisation der Initiative notwendigen Bereichen haben sich auch große Medienkonzerne bereit erklärt, einen Beitrag zu leisten. Wir sollten uns also darauf vorbereiten, in Zukunft die große blaue Sprechblase noch öfter zu sehen!


Sunday, March 25, 2012

Jason Russell und sein Film „Kony 2012“ wollen die Welt verändern und scheinen es zu schaffen


Jason Russells Film geht um die Welt. „Kony 2012“ berührt die Herzen der Menschen auf dem gesamten Globus und zwingt sie zum Handeln. Millionenfach wurde der halbstündige Film bisher auf youtube angeklickt oder auf Facebook verlinkt. Hinter der Kampange steht das Ziel, noch in diesem Jahr den Warlord Joseph Kony, der wegen vieler Kriegsverbrechen auf Platz Eins der gesuchten Kreigsverbrecher des internationalen Haager Gerichts steht, zu verhaften, um ihn einem gerichtlichen Verfahren zuzuführen.
„Kony 2012“ hat bereits viel Aufsehen erregt und auch kritische Meinungen hervorgerufen. Einerseits list man da bei einem Artikel auf ZEIT online, dass es den jungen bisher apolitischen Menschen zu leicht gemacht würde, sich in die Politik einzumischen. Nur ein Armband oder den Kauf des Actionkits und schon hat man sein Gewissen beruhigt und ist ein guter Mensch. Ebenfalls auf ZEIT online ist ein Leserkommentar zu finden, der beschreibt, dass der Warlord eigentlich gar kein Problem mehr in Uganda sei. Im Gegenteil, würde doch durch die Kampagne dem Image des Landes, das sich im Erholen sah, wieder geschadet und hält somit potentielle Touristen ab.
Beide verkennen Jason Russells Vision hinter all dem, die von jungen Menschen auf der Welt geteilt wird. Es geht gerade nicht darum, dass Kony besonders verheerend in Uganda gewütet hat und das Land beschützt werden müsste. Uganda spielt in dieser Vision keine Rolle. Auch eigentlich die USA nicht, die jedoch durch ihre militärische Initiative aus dem Spiel nicht wegzudenken ist. Es geht einzig und allein darum, rechtliche Standards global durchzusetzen. Es ist die Idee, dass es alle Menschen auf der Welt angeht, wenn irgendwo etwas passiert, das die grundsätzlichen Menschenrechte verletzt. Es handelt sich hier um einen politischen Kosmopolitismus, der durch das Medium Internet eine neue Dimension erreicht hat. Global ist das möglich, was national von den Politikern immer so gescheut wird: Dass die Bürgerinnen und Bürger über das Internet Politik gestalten können. Warum kann man zum Beispiel nicht online zur Wahl gehen oder über Gesetze abstimmen?
Vielleicht müssen wir den Politikern zuhause erst einmal zeigen, wie politisch wir wirklich sind. Nicht Politikverdrossenheit plagt viele Menschen, aber die sinnlosen Debatten über Gesetzesvorlagen, die eigentlich längst entschieden sind, langweilen uns, besonders wenn wir gleichzeitig die wirklich großen Problem, wie Kriege und Hungersnöte, in der Welt sehen.



Video: Kony 2012 (www.youtube.com)

Thursday, March 8, 2012

Das Gross National Happiness lässt Bhutan zur weltweit größten Wirtschaftsmacht werden



Das Gross National Happiness als Motor der Wirtschaft in Bhutan

Gross National Happiness, zu deutsch: Bruttonationalglück ist schon eine interessante Idee mit einer ebenfalls interessanten Geschichte dahinter. Beides kann einfach auf wikipedia nachgelesen werden. Die Frage, die sich mir jedoch immer aufdrängt, wenn ich mit dem Thema konfrontiert werde, lautet: Warum hat Bhutan, so ein kleines, unbedeutendes Land, einen Entwurf für eine nachhaltige Wirtschaft zustande gebracht? Warum ist es zum Beispiel keinem westlichen Land gelungen, eine wirklich nachhaltige Wirtschaftentwicklung einzuleiten? Liegt es daran, dass unser System wirklich auf Ausbeutung aufgebaut ist und einem nachhaltigen Leben diametral entgegensteht?

Nun, Bhutan war eine Monarchie, was die Theorie vieler Politikwissenschaftler bestätigt, dass autoritär geführte Staaten effektiver arbeiten, denn die Idee des Königs vom Gross National Happiness wurde handumdrehend umgesetzt. Dazu kam außerdem, dass Bhutan ein kleines Land ist, das wirtschaftlich nicht besonders stark war und ist. Daher hatten die Bewohner wohl kaum etwas zu verlieren, als das GNH eingeführt wurde.
Die Idee hat aber auch etwas Bestechendes. Alle Elemente, die unsere Politiker als Errungenschaften immer wieder preisen, werden bereits seit Jahrzehnten zur Ermittlung des GNH herangezogen. Diese sind:

- die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung,

- Bewahrung und Förderung kultureller Werte,

- Schutz der Umwelt und

- gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Dazu kommt, dass regelmäßig das Volk in einer Vollerhebung auf sein Glückempfinden befragt wird. Das sollte doch einmal in Deutschland eingeführt werden. Quasi eine Demokratie, in der das Volk auch mal befragt wird, wie es ihm geht und was es sich für die Zukunft wünscht. Das Bruttonationalglück müsste es dann sein, dass den Politikern am Herzen liegen sollte und nicht länger Koalitiongeplänkel und Machtspielchen hinter verschlossenen Türen.

Aber wieder die Frage: Ist das, was in einem kleinen, wirtschaftlich unbedeutenden Land funktioniert, für eine Weltwirtschaftsmacht wie Deutschland überhaupt eine Option? Zu verschieden scheinen die Länder. Und doch drängt sich Missmut auf, wenn einem klar wird, dass hinter dieser Frage die Annahme steht, dass die Menschen aufgrund ihrer weltwirtschaftlichen Verantwortung weniger Recht auf Glück haben. Ist dem so? Vielleicht sollte man einmal unsere Ethikkommission zu diesem Thema befragen…

Sunday, March 4, 2012

Internationaler Frauentag am 8. März und seine Bedeutung für den Kampf für das Frauenwahlrecht


Foto: Internationaler Frauentag (www.saarbruecken.de)

Internationaler Frauentag – warum am 8. März?

Die Geschichte des Internationalen Frauentages ist lang. Seit über hundert Jahren gibt es ihn nun schon und er wurde nicht immer am 8. März zelebriert. So gingen Frauen das erste Mal in Deutschland am 19. März auf die Straße, in bewusste zeitlicher Nähe zum 18., dem Tag des Gedenkens an die Opfer der Märzrevolution von 1848. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand er in der Sowjetunion am 23. Februar statt, in Gedenken an die Arbeiter- und Soldatenfrauen, die an diesem Tag im Jahre 1917 das erste Mal in Sankt Petersburg demonstrierten. Aus dem 23. Februar im damals in Russland gebräuchlichen julianischen Kalender ergab sich jedoch nach gregorianischem der 8. März. Der Internationale Frauentag hatte somit sein Datum gefunden, das er bis heute behielt, wenn auch nicht immer ohne Kritik, so zum Beispiel während des Kalten Krieges. Nur sehr ungern konnten sich die Westmächte mit dem Begehen eines von Sowjets festgelegten Feiertages abfinden. Letzten Endes konnte er sich jedoch bis heute halten!

Das Frauenwahlrecht und der 8. März
Foto: Frauentag - We Can Do It! (www.addn.me)

Der erste Frauentag wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA organisiert, bei dem sich besonders sozialistisch eingestellte Frauen für die Einführung des Frauenwahlrechts aussprachen. Die Idee machte schnell die Runde. Besonders im Europa vor dem Ersten Weltkrieg, wo der Kampf für das Frauenwahlrecht in vollem Gange war, erfreute sich das Protestieren an einem bestimmten, symbolträchtigen Tag großer Beliebtheit und ging schnell in eine Tradition über. Aufbauen konnte die Bewegung auf die Bestrebungen, den 1. Mai, der seine Wurzeln ebenfalls in den USA fand, als gesetzlichen Feiertag einzuführen. Beide bilden damit wichtige Elemente einer Bewegung für mehr Freiheit und soziale Gerechtigkeit, der 1. Mai eher im Allgemeinen für alle Arbeiter und der 8. März besonders für die politischen Rechte der Frauen. Bleibt jedoch die Frage, welche Funktion der 8. März heutzutage einnimmt. Brauchen wir noch einen Tag, der für die Emanzipation der Frauen kämpft?

Thursday, March 1, 2012

KRIEGE 2011 - Das Conflict Barometer des HIIK hat gesprochen: 2011 gab es soviele wie seit 1945 nicht mehr


Foto: Lord of War (www.freedomsphoenix.com)

Das Conflict Barometer mit der Analyse für 2011

Die Entwicklung ist erschreckend. Das Conflict Barometer hat für das Jahr 2011 herausgefunden, dass es soviele Kriege wie noch nie seit 1945 gibt. Das ist für uns im befriedeten Europa immer schwer zu glauben, spüren wir doch von den meisten nichts. Aber nicht alle dieser Kriege sind Kriege zwischen Staaten, wie wir sie uns meistens vorstellen, wenn das Wort Krieg fällt. Normalerweise denken wir an Auseinandersetzungen, in denen sich zwei oder mehr nationale Armeen gegenseitig angreifen und versuchen zu schlagen. Im Conflict Barometer fällt jedoch auch zum Beispiel der „Krieg“ der staatlichen Kräfte gegen die Drogenkartelle in Mexiko unter diese Kategorie. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Soldaten und Zivilisten, jeder wird in den Konflikt hineingezogen und kann sich nicht dagegen wehren. Eine detaillierte Übersicht der registrierten Konflikte gibt’s hier, jedoch leider nur in Englisch.

Das HIIK als Mittelpunkt der Welt

Einmal jährlich, nämlich zur Veröffentlichung des Conflict Barometers wird das HIIK zum Mittelpunkt der (deutschen) Öffentlichkeit. Das sonst eher unbehelligte Heidelberge Institut für Internatione Konfliktforschung (HIIK) verfolgt zwar ganzjährig die vor sich gehenden Konflikte der Welt, aber dies meistens eher im stillen Kämmerchen. Naja, ganz so still auch wieder nicht, denn schließlich bringen sie regelmäßig Veröffentlichungen auf den Markt und organisieren Konferenzen, alles jedoch eher für das Fachpublikum. Letzte Woche jedoch war es dann wieder so weit: Das HIIK kam ins Fernsehen. Die Tagesschau brachte die Konflikte damit in die öffentliche Wahrnehmung und das HIIK kam aus seinem Schattendasein heraus.
Für mich bleibt dennoch die Frage bestehen, warum schlechte Nachrichten eigentlich immer im Winter kommen müssen. Reicht es nicht, dass es grau und nasskalt ist, muss dann das Gemüt auch noch unter schlechten Neuigkeiten leiden? Was da gerade so selbstbedauernd klang, ist nur Ausdruck der ansonst herrschenden Ignoranz gegenüber den globalen Problemen jenseits des Klimawandels! Deshalb mein Appell: Genießt im Sommer nicht nur die Sonne und den Urlaub, sondern lest einmal etwas über Kriege und Konflikte. Ich kann zum Beispiel Herfried Münklers „Neue Kriege“ und Haral Welsers „Klimakriege“ empfehlen!

Tuesday, February 14, 2012

Junge europäische Föderalisten setzen sich mit Engagement für mehr Demokratie in Europa ein

Foto: Junge Europäische Föderalisten (www.jef.de/)

Junge europäische Föderalisten bieten dir die Chance mitzuwirken

Die jungen europäischen Föderalisten sind mehr als eine der vielen Organisationen und Parteien, die sich wie ein Flickenteppich über ganz Europa ausbreiten. Oft werden wir überschwemmt von Prospekten, die die Ziele und Prinzipien all jender Vereinigungen anpreisen, die sich zwar alle durchweg gut anhören, aber uns letztlich doch kaum persönlich berühren. Für wie wichtig halten wir zum Beispiel die Arbeit von Amnesty International und WWF. Und gerne unterstützen wir sie mit unseren Unterschriften, damit mal wieder ein chinesischer Dissident freikommt, oder zahlen fünf Euro im Monat, damit die letzten tausend Tiere einer Art, die wir noch nie mit eigenen Augen gesehen haben, nicht aussterben. Die jungen europäischen Föderalisten bieten mit ihrem gesellschaftlichen Engagement jedoch mehr. Zunächst einmal beschäftigen sich die Föderalisten mit einem Thema, das unser Leben täglich berührt, die EU.

Für mehr Demokratie in Europa!

Konkret: Mehr Demokratie in Europa ist eines ihrer großen Ziele, für die sie sich einsetzen. Dabei greifen sie natürlich zunächst auf das freiwillige gesellschaftliche Engagement ihrer Mitglieder zurück. Diese finden sich in Landesverbänden zusammen, um Aktionen und Projekte zu organisieren. So wird die Demokratie in Europa den auch eher europafernen Bürgerinnen und Bürgern nahegebracht. Selbst Schüler können bereits Mitglied bei den Föderalisten werden und somit ihren Beitrag zu einem bürgernahen Europa leisten. Dabei ist es nicht wichtig, was man über die EU weiß oder versteht, denn die JEF lernen vor allem auch untereinander und in ihren Verbänden. Es gibt eine Mitgliederzeitung, die regelmäßig erscheint, Akademien und Sommerschulen, die organisiert werden, sowie Simulationen, in denen die Mitglieder selbst in die Rolle eines europäischen Abgeordneten schlüpfen können, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es ist, sich mit den Prozeduren und Tagesordnungen des europäischen Parlaments rumzuschlagen. Alles in allem ist hier die Möglichkeit für alle jene, die noch nach etwas suchen, um mehr über Europa zu erfahren und mehr mitzuwirken.

Und wer die Länder der EU einmal hautnah erleben will, sollte vielleicht über einen Freiwilligendienst nachdenken.

Saturday, February 4, 2012

Ostwind, Kälte und Schnee machen Obdachlosen in ganz Mittel- und Osteuropa das Leben schwer

Foto: Obdachloser in der Ukraine ( www.ad-hoc-news.de)
Der Ostwind bricht über Europa herein!

Seit letzter Woche ist er da: der Winter. Und mit ihm kam sein bester Freund: der Ostwind.
Vielen haben schon gar nicht mehr mit der Möglichkeit zum Schlittschuhlaufen gerechnet. Auch, wenn der Schnee ausbleibt, so können doch wenigstens wieder Schal, Mütze und Handschuhe aus der Gaderobe hervorgeholt werden und wieder ihren Platz in unserem Erscheinungsbild finden. Eigentlich war mit einer Rückkehr der kalten Jahreszeit doch gar nicht mehr zu rechnen. Aber das Wetter hat uns einmal mehr von seiner Unberechenbarkeit überzeugt. Der bisher so milde Winter, selbst in den tiefen Weiten des Ostens lag bisher kaum Schnee, ist nun endlich da. Der Ostwind hat ihn uns ins Haus gebracht! Viele hätten ganz drauf verzichten können. Aber ein bißchen Dauerfrost kann doch nicht schaden, denn sonst hätten wir es im Sommer wahrscheinlich mit einer Insektenplage zu tun!

Obdachlose leiden unter dem Kälteeinbruch

Dem ein oder anderen mag es sogar recht sein, dass im Februar endlich einmal etwas von winterlicher Kälte zu spüren ist. Nicht jeder kann sich jedoch über das Hereinbrechen so freuen, insbesondere nicht, wenn man sich nicht schützen kann. Der Kälteeinbruch  kam plötzlich und traf viele unvorbereitet. Besonders Obdachlose in ganz Mitteleuropa leiden unter eisigen Temperaturen, ungenügender Versorgung mit Lebensmitteln und Mangel an Unterkünften. In der Ukraine sollen bisher um die 50 Obdachlose aufgrund der Kälte gestorben sein. Dort wurden Zelte aufgestellt, die mit glühenden Kohlen aufgeheizt werden, um den Leidenden wenigstens etwas zu helfen. In anderen Ländern sieht es etwas besser aus. Aber selbst in Deutschland wird in den Suppenküchen eine Extraschicht eingeschoben, um denen ohne ein Dach überm Kopf zu helfen. Ich frage mich jedoch: Wie überraschend kann ein Kälteeinbruch im Winter schon sein. Sollte man nicht alle Tage auf den Ernstfall vorbereitet sein, um denen die nicht selber für sich sorgen können, Hilfe zu leisten. Ein bißchen internationale Hilfe wäre vielleicht auch angebracht, wenn der Nachbar mehr leidet als man selbst. Aber wer kann das schon in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise.

Thursday, February 2, 2012

Die Linkspartei und der Verfassungsschutz – Teil und Schutz des deutschen Parlamentarismus?

Foto: Die Linke (www.welt.de)

Die Linkspartei und ihr Platz in der deutschen Demokratie

Die nächste Affäre zog letzte Woche über dem Berliner Himmel auf. Dem Bundespräsidenten kann zwar nur recht gewesen sein, der deutschen Demokratie und ihr Ansehen aber abträglicher als die Skandale um Wulff. Die Linkspartei stand dieses Mal im Licht der Öffentlichkeit, oder besser: die Tatsache, dass ein Drittel ihrer Abgeordneten im Bundestag vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Da kommen schnell Zweifel über die Verfassungskomformität der Linkspartei  auf, die sich nicht mehr so schnell vertreiben lassen wollen. Eigentlich kommt das einer Diskreditierung und Aberkennung ihres Anspruchs auf Repräsentation eines Teils des deutschen Volkes gleich. Man kann es auch anders verstehen: Wenn bei einem Drittel der Abgeordneten der Linkspartei der Verdacht auf Gefährung bundesrepublikanischer Normen und Werte besteht, dann müssen diejenigen, die diese Abgeordneten gewählt haben auch zu einem Dritten verfassungsgefährdend sein, oder?

Der Verfassungsschutz als Garant der Demokratie?
In dieser prekären Situation steht nun der Verfassungsschutz einmal mehr ebenfalls im Rampenlicht. Nicht genug, dass immernoch Vorwürfe wegen Versagen bei den Ermittlungen gegen die rechtsextreme Mordserie laut werden. Was dort als Unzulänglichkeiten angeprangert wurde, macht sich nun als Übereifrigkeit bemerkbar. Vielleicht ermittelt der Verfassungsschutz einfach zu einseitig, observiert linke Abgeordnete anstatt terroristische Untergrundkämpfer. Insgesamt mag wohl kaum jemand wirklich in der Lage sein abzuschätzen, wer von den politisch Aktiven in der deutschen Bevölkerung beim Verfassungsschutz bereits notiert ist und wer nicht. Ein Vergleich mit gewissen früheren deutschen Sicherheitsdiensten liegt mir fern. Jedoch wirft es erstens kein gutes Licht auf die deutsche Demokratie, wenn eine solche Anzahl von Parlamentariern unter genanntem Verdacht steht und zweitens stellt sich unser System damit selber ein Armutszeignis aus. Was ist denn eine Demokratie wert, die ihren eigenen Aufklärungsinstrumenten im Zentrum des Staates so mistraut, dass eine Überwachung nötig ist. Die Linke konnte sich zusammen mit Angehörigen anderer Fraktionen über dieses Vorgehen empören und aufregen. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln und fühle mich zunehmend vom politischen Schauspiel in Berlin getäuscht, zumal niemand Konsequenzen zieht.

Thursday, January 12, 2012

Wulff und seine Kreditaffäre – die weitere Bedrohung der freiheitlichen Grundrechte


Foto: Wulff im Schafspelz (http://piratenpartei-saarland.de)

Wulff auch weiterhin im Amt des Bundespräsidenten?

Christian Wulff, ein tragischer Charakter, der fast einem Shakespeare würdig erscheint: Eine dunkle Vergangenheit, die während seiner Abwesenheit ans Licht kommt. Ein Bote erteilt im Nachricht davon, woraufhin der Protagonist versucht, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Dadurch entsteht erst der wahre Konflikt, der zwangsläufig zur Eskalation führt. Schade ist an der ganzen Sache nur eines: Der Protagonoist ist nicht irgendeine historische Figur. Der deutsche Bundespräsident, der erste Mann im Staat, ist eben jener, der sich in die beschriebene Situation gebracht hat. Christian Wulff – sein Name. Und das Problem an der ganzen Sache: Der Zuschauer erkennt, was die Charaktere nicht zu sehen in der Lage sind. Der Bundespräsident denkt durchweg, dass es um die Offenlegung längst vergangener Kredite und Reisen geht. Die Medien warten Zähne fletschend auf den nächsten Missgriff des Christian Wulff und das Volk hofft doch einfach nur, dass alles bald vorbei sei. Mag es der „Wulff im Schafspelz“ sein. Den Bürgern ist es gleich, so lange er seine Aufgaben erledigt, unter anderem die, eine moralische Instanz zu sein, den Politikern auch mal auf die Finger zu hauen und dem deutschen Volk Mut zu machen, insbedesondere in wirtschaflich nicht einfach Zeiten.

Die freiheitlichen Grundrechte fangen bei Meinungsfreiheit an!

War es enttäuschend, was sich der Bundespräsident da mit dem Axel-Springer-Verlag geleistet hat? Ja, das war es. War es überraschend? Da fällt ein klares „Ja“ nicht mehr so leicht von den Lippen. Die Presse- und Meinungsfreiheit wird seit jeher von Politikern versucht eingeschränkt oder kontrolliert zu werden. Diese grundlegendsten aller freiheitlichen Grundrechte konnte ein Fürst Metternich noch in Schranken weisen, doch über die Zeit entledigte sie sich dieser Zwänge. Nach vielem auf und ab stehen wir heute da, wo wir sind: Die freiheitlichen Grundrechte sind jedem deutschen Bürger ausnahmslos und einklagbar zugesprochen. Dabei gilt im Allgemeinen das Prinzip des Liberalismus: Meine eigene Freiheit hört dort auf, wo die des anderen anfängt. Was bedeutet das für die Meinungsfreiheit? Wieviel Gerüchte oder auch Wahrheiten von anderen darf ich verbreiten? Selbst im falle unseres Bundespräsidenten: Was darf gesagt werden, was nicht? Ist alles der Wahrheit förderlich? Ist es fair, über jemandes Rücken über ihn herzuziehen? Kann jemand eine lupenreine Weste haben? Christian Wulff sollte nicht für das, was er in der Vergangenheit getan hat, als Bundespräsident bestraft werden. Jeder von uns hat Leichen im Keller, die besser nie ans Licht kommen sollten. Man sollte nach dem beurteilt werden, was man heute ist und tut. Jeder sollte sich sein eigenes Urteil über Wulff bilden, aber vor allem darüber nachdenken, wie er selber behandelt werden wollte, wäre er in Wullfs Situation. Ein Spiel zu verlieren ist okay, aber unfair zu spielen nicht!

Tuesday, November 29, 2011

Die Welt in Aufruhr – von „Occupy Wall Street“ bis Alia Magda al-Mahdi

Foto: Greed kills (www.rollingstone.de

„Occupy Wall Street“ gegen die Herrschaft des Kapitalismus

Was haben wir nicht schon alle geflucht über ihn. Der böse Kapitalismus sei die Ursache alles Schlechten auf Erden. Nur durch ihn können die Menschen ihrer Habgier nachgehen und überziehen den Planeten deswegen mit Kriegen, Tod und Elend. Doch nicht alle lassen sich das gefallen. „Occupy Wall Street“ hat ein Zeichen gesetzt. Was in New York seinen Ausgang genommen hat, hat weltweit zu Solidaritätbekundungen geführt. Die Nachahmung der US-Bewegung hatte jedoch nicht lange bestand. Und auch in New York war es dann diese Woche auch schon wieder vorbei. „Occupy Wall Street“ hat das „occupy“ vielleicht etwas zu wörtlich genommen. Die Anhänger hatten sich ein einem Park nahe der Wall Street eingenistet und sich dort ihre Leben eingerichtet, um so lange wie möglich zu bleiben. Durch die Ansammlung von Fäkalien seinen die Anwohner stark belästigt worden, so hat zumindest der Bürgermeister von New York nach der polizeilichen Räumung der Demonstranten argumentiert. Wenn die Belastung tatsächlich so hoch gewesen ist, lassen sich die Auswirkungen auf die Ökologie des Parks kaum ermessen. Als Kampf gegen den Kapitalismus angefangen, sich aber dann gegen die Natur gewandt. Das haben Feinde und Befürworter des Kapitalismus wohl gemein: Beide stellen das Wohl der Menschen vor das seiner Existenzgrundlage, der Natur.

Alia Magda al-Mahdi und die Individualisierung der Arabellion

Seit einem Jahr geht ein Gespenst durch die arabische Welt. Die Arabellion hat schon so manchem Staatsoberhaupt das Amt gekostet. So auch in Ägypten. Doch dort, wo diese Woche die ersten freien Wahlen stattfinden sollen, organisiert sich neuer Widerstand und erreicht eine neue Stufe. Alia Magda al-Mahdi, eine 20-jährige Studentin, macht dabei besonders von sich reden. Ihre Art des Protestes zielt auf Aufklärung durch Provokation. „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder „Aufruf zum Aufruhr“ beschreiben ihre Nacktfotos aus Sicht der ägyptischen Richter wohl exakter. Was sich viele in unserer westlichen Welt kaum trauen würden, und das obwohl wir im Gegensatz zu Ägyptern täglich mit genügend nackter Haut konfrontiert werden, hat die junge Kunststudentin gewagt. Alia Magda al-Mahdi verdient wohl unser aller Respekt. Nicht so sehr, weil sie ihrer Körper zur Schau stellt. Sondern weil sie für ihre Ideale riskiert, vom Regime und großen Teilen der ägyptischen Gesellschaft schikaniert und sogar verurteilt zu werden. Die Arabellion hat hier ihre neue Ikone gefunden. Sie steht für die Jugend, die einen radikalen Umsturz der Verhältnisse fordert und sich nicht länger mit unzulänglichen Reformen abspeisen lässt.